
Gabriela Oberkofler – Verstrickt, 2006
Sara Fegg
Ein Faden – zwischen Zusammenhalt und Verstrickung.
Mit der Schnitzarbeit „Verstrickt“ (2006) greift die in Bozen geborene Künstlerin Gabriela Oberkofler, die von 2002 bis 2009 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studierte, diese Ambivalenz spielerisch auf. Zwei geschnitzte Holzfiguren stehen nebeneinander, durch eine rote, gestrickte Kordel unauflöslich miteinander verbunden. Was zunächst an ein harmloses Handarbeitsobjekt zweier Stricklieseln erinnert, entfaltet sich als vielschichtige Reflexion über Bindung, Körper und die kulturellen Bedeutungen von Nähe.
Die Schnitzarbeit entstand in einer Auflage von fünf Exemplaren zuzüglich eines Künstlerexemplars – das dem MWK vorliegende Exemplar trägt die Nummer 1/5+1. Anlässlich des 60-jährigen Landesjubiläums Baden-Württembergs wurde die kleine skulpturale Arbeit (20 × 13 × 6 cm) 2011 angekauft.
Dargestellt sind zwei stilisierte Figuren, eine weibliche und eine männliche, die zugleich als Stricklieseln fungieren. Ihre Köpfe sind mit Metallbügeln versehen, wie man sie von diesem Handarbeitsobjekt kennt. Beide Körper sind vom Kopf bis in den Unterleib ausgehöhlt, wobei durch diese Öffnung eine rote, gestrickte Kordel verläuft, die die Figuren miteinander verbindet. Auffällig ist, dass weder ein Wollknäuel noch ein sichtbares Fadenende existiert. Die Verbindung beider Figuren scheint daher untrennbar zu sein. Die leicht gebeugten Beine der Figuren ermöglichen den Austritt der Kordel im Unterleib und verleihen der Darstellung zugleich eine subtile Körperlichkeit.
Oberkoflers Arbeit ist eng mit ihrer frühen biografischen Prägung durch eine streng katholische, ländliche Umgebung verbunden. In ihrem Werk kehrt immer wieder die Ambivalenz von Blut als materielle Substanz und religiös aufgeladener Bedeutungsträger zurück – etwa im Kontext der Eucharistie, in der Blut sowohl realer Stoff als auch ein transzendentes Symbol ist. Vor diesem Hintergrund lässt sich die rote Kordel in „Verstrickt“ als Blutbahn lesen, die durch beide Körper fließt und sie existenziell miteinander verbindet. Die Figuren erscheinen dadurch nicht nur physisch, sondern auch genealogisch und kulturell miteinander verstrickt – eine Lesart, die Assoziationen von Familie, Herkunft oder Paarbeziehung nahelegt. Zugleich erzeugt die aus dem Bereich der geschlechtlich konnotierten Körperöffnungen hervortretende rote Kordel eine bewusste Irritation, da sie unweigerlich Bezüge zu Menstruation und Geburt aufruft und die Verbindung der Figuren um eine Dimension von generativer, leiblicher Weitergabe erweitert. Die handwerkliche Technik der Schnitzerei, die an volkskünstlerische Traditionen erinnert, verstärkt diese Lesbarkeit, wird von Oberkofler jedoch konzeptuell gebrochen, indem sie das scheinbar Vertraute nutzt, um dessen innere Spannungen sichtbar zu machen. Ob als Eltern-Kind-Relation, familiäre Blutlinie oder intensive Paarbindung gelesen, bleibt dabei offen. Gerade diese Ambivalenz verstärkt den Eindruck einer tief eingeschriebenen, durch „Mark und Blut“ verlaufenden Verbindung, die sich einer eindeutigen Zuordnung entzieht.
„Verstrickt“ ist damit eine stille, präzise Arbeit über Bindung und Abhängigkeit, über Körper als Durchgangsorte von Bedeutung – und über die Fragilität jener Fäden, die Menschen miteinander verbinden.
Literatur
AK, Baden-Württemberg 60. 60 Jahre Land Baden-Württemberg – 60 Kunstwerke für Baden-Württemberg, Städtisches Kunstmuseum Singen u.a., 29. Januar bis 11. März 2012.
AK, Desperate Housewives? Künstlerinnen räumen auf, Museum im Kulturspeicher Würzburg u.a., 20. Juni bis 20. September 2015.
AK, Gabriela Oberkofler – Blut im Schuh, Hospitalhof Stuttgart, 18. September bis 18. Oktober 2009.
AK, we love to entertain you, Städtische Galerie Villingen-Schwenningen, 14. Mai bis 16. Juli 2006.

Gabriela Oberkofler – Verstrickt, 2006
Sara Fegg
Ein Faden – zwischen Zusammenhalt und Verstrickung.
Mit der Schnitzarbeit „Verstrickt“ (2006) greift die in Bozen geborene Künstlerin Gabriela Oberkofler, die von 2002 bis 2009 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studierte, diese Ambivalenz spielerisch auf. Zwei geschnitzte Holzfiguren stehen nebeneinander, durch eine rote, gestrickte Kordel unauflöslich miteinander verbunden. Was zunächst an ein harmloses Handarbeitsobjekt zweier Stricklieseln erinnert, entfaltet sich als vielschichtige Reflexion über Bindung, Körper und die kulturellen Bedeutungen von Nähe.
Die Schnitzarbeit entstand in einer Auflage von fünf Exemplaren zuzüglich eines Künstlerexemplars – das dem MWK vorliegende Exemplar trägt die Nummer 1/5+1. Anlässlich des 60-jährigen Landesjubiläums Baden-Württembergs wurde die kleine skulpturale Arbeit (20 × 13 × 6 cm) 2011 angekauft.
Dargestellt sind zwei stilisierte Figuren, eine weibliche und eine männliche, die zugleich als Stricklieseln fungieren. Ihre Köpfe sind mit Metallbügeln versehen, wie man sie von diesem Handarbeitsobjekt kennt. Beide Körper sind vom Kopf bis in den Unterleib ausgehöhlt, wobei durch diese Öffnung eine rote, gestrickte Kordel verläuft, die die Figuren miteinander verbindet. Auffällig ist, dass weder ein Wollknäuel noch ein sichtbares Fadenende existiert. Die Verbindung beider Figuren scheint daher untrennbar zu sein. Die leicht gebeugten Beine der Figuren ermöglichen den Austritt der Kordel im Unterleib und verleihen der Darstellung zugleich eine subtile Körperlichkeit.
Oberkoflers Arbeit ist eng mit ihrer frühen biografischen Prägung durch eine streng katholische, ländliche Umgebung verbunden. In ihrem Werk kehrt immer wieder die Ambivalenz von Blut als materielle Substanz und religiös aufgeladener Bedeutungsträger zurück – etwa im Kontext der Eucharistie, in der Blut sowohl realer Stoff als auch ein transzendentes Symbol ist. Vor diesem Hintergrund lässt sich die rote Kordel in „Verstrickt“ als Blutbahn lesen, die durch beide Körper fließt und sie existenziell miteinander verbindet. Die Figuren erscheinen dadurch nicht nur physisch, sondern auch genealogisch und kulturell miteinander verstrickt – eine Lesart, die Assoziationen von Familie, Herkunft oder Paarbeziehung nahelegt. Zugleich erzeugt die aus dem Bereich der geschlechtlich konnotierten Körperöffnungen hervortretende rote Kordel eine bewusste Irritation, da sie unweigerlich Bezüge zu Menstruation und Geburt aufruft und die Verbindung der Figuren um eine Dimension von generativer, leiblicher Weitergabe erweitert. Die handwerkliche Technik der Schnitzerei, die an volkskünstlerische Traditionen erinnert, verstärkt diese Lesbarkeit, wird von Oberkofler jedoch konzeptuell gebrochen, indem sie das scheinbar Vertraute nutzt, um dessen innere Spannungen sichtbar zu machen. Ob als Eltern-Kind-Relation, familiäre Blutlinie oder intensive Paarbindung gelesen, bleibt dabei offen. Gerade diese Ambivalenz verstärkt den Eindruck einer tief eingeschriebenen, durch „Mark und Blut“ verlaufenden Verbindung, die sich einer eindeutigen Zuordnung entzieht.
„Verstrickt“ ist damit eine stille, präzise Arbeit über Bindung und Abhängigkeit, über Körper als Durchgangsorte von Bedeutung – und über die Fragilität jener Fäden, die Menschen miteinander verbinden.
Literatur
AK, Baden-Württemberg 60. 60 Jahre Land Baden-Württemberg – 60 Kunstwerke für Baden-Württemberg, Städtisches Kunstmuseum Singen u.a., 29. Januar bis 11. März 2012.
AK, Desperate Housewives? Künstlerinnen räumen auf, Museum im Kulturspeicher Würzburg u.a., 20. Juni bis 20. September 2015.
AK, Gabriela Oberkofler – Blut im Schuh, Hospitalhof Stuttgart, 18. September bis 18. Oktober 2009.
AK, we love to entertain you, Städtische Galerie Villingen-Schwenningen, 14. Mai bis 16. Juli 2006.